von Ray Monk

"Die Menschen heute glauben, die Wissenschaftler seien da, sie zu belehren, die Dichter & Musiker etc., sie zu erfreuen. Daß diese sie etwas zu lehren haben; kommt ihnen nicht in den Sinn."
 Ludwig Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen

Auch wenn Wittgenstein weithin als der bedeutendste und einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts gilt, gibt es einen Bereich innerhalb seines Denkens, der trotz dessen zentralen Bedeutung für alles, was Wittgenstein gemacht hat, in den zahlreichen, über ihn verfassten und von ihm inspirierten Arbeiten überwiegend ignoriert wurde. Dies ist seine ablehnende Haltung zum Szientismus, der Auffassung, nach der echte Erkenntnisse nur in wissenschaftlichen Erkenntnissen, echtes Wissen nur in wissenschaftlichem Wissen bestehen sollen.

Dieser Auffassung wirkte Wittgenstein mit der Kunst, Dichtung, Literatur, Musik und Architektur entgegen, die er am meisten geschätzt und als die größte Blüte europäischer Kultur und den größten Ausdruck menschlichen Schaffens erachtet hat. Dies war auch die Kultur, die ihm während seiner prägenden Jahre in Wien ans Herz gewachsen ist und die zum großen Teil wienerischen Ursprungs war. Er liebte zum Beispiel die Musik von Brahms, der häufig im Hause der Familie im Palais Wittgenstein zu Gast war, um in dem prachtvollen Salon für die große Familie und deren Gäste zu musizieren. Wittgensteins Vater Karl war ein herausragender Kunstmäzen, und zwei von Wittgensteins weiteren Lieblingsmusikern, der Violinist Joseph Joachim und der Komponist Josef Labor, profitierten von Karls Mäzenatentum. Karl förderte auch bedeutende Kunst des Fin de Siècle in Wien. Er finanzierte das Wiener Secessionsgebäude und beauftragte Werke von einigen Malern des Jugendstil, die dort ausstellten, vornehmlich Gustav Klimts herrliches Hochzeitsporträt von Wittgensteins Schwester Margarethe.

Was die Literatur betrifft, sagte Wittgenstein einmal über Franz Grillparzer: „Wir wissen nicht wie schön er ist”. Er schätzte auch Werke anderer bedeutender österreichischer Autoren wie Ferdinand Raimund, Johann Nestroy und Nikolaus Lenau. Von allen Wiener Schriftstellern aber bewunderte Wittgenstein am meisten Karl Kraus, dessen Stil und dessen Entschiedenheit, mit allem Gekünstelten aufzuräumen, einen maßgebenden Einfluss auf Wittgensteins Denken und seine Schriften ausübten. Als er in den 1930er Jahren eine Liste anfertigte von allen Personen, die ihn beeinflusst hatten, enthielt diese Liste mehr Österreicher als Mitglieder jeder anderen Nationalität. Außer Kraus verzeichnete diese den Philosophen und Psychologen Otto Weininger, den Architekten Adolf Loos und den Physiker Ludwig Boltzmann. Eine weitere Symbolfigur der Wiener Gedankenwelt und Kultur, Sigmund Freud, fällt in der Liste durch Abwesenheit auf, dabei hat Wittgenstein sich selbst mehrmals als „Schüler Freuds“ bezeichnet.

Mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod wurde der Einfluss Wiens und der Wiener Kultur auf Wittgensteins Leben und Denken mehr oder weniger ignoriert. Im Jahre 1973 erschien jedoch das Buch Wittgensteins Wien von Allan Janik und Stephen Toulmin und eröffnete zugleich neue Wege, wie Wittgenstein gelesen werden könnte. Heute – vierzig Jahre später – möchte die Wittgenstein Initiative den nächsten Schritt unternehmen, um Wittgenstein für Wien und Wien für Wittgenstein zurückzugewinnen. Denn was die Stadt Wien in einzigartiger Weise vermag, ist, nicht nur der Welt die Bedeutung von Wittgensteins Wien zu zeigen, sondern auch zu beweisen, dass der Philosoph im wahrsten Sinne Wiens Wittgenstein war.

Durch die Veranstaltung von Events, die es den Menschen in Europa ermöglichen, die große Kunst, Dichtung, Literatur, Philosophie und Musik Wiens wiederzuentdecken, erhoffen wir uns die Aufrechterhaltung der wichtigen Einsicht Wittgensteins, dass „Dichter, Musiker etc.“ uns nicht nur erfreuen, sondern uns Bedeutendes zu lehren haben – etwas, das die Wissenschaft uns nicht lehren kann. So erhält zum einen die Stadt Wien die gebührende Anerkennung, da sie das Denken von Ludwig Wittgenstein geprägt hat. Zum anderen erhalten wir alle die Möglichkeit, der Kunst die gebührende Anerkennung zu verleihen, da sie uns ein besseres Verständnis der eigenen Menschlichkeit nahebringt. Auf diese Weise kann Wittgensteins geliebte Heimatstadt eine ihr gebührend wichtige Rolle dabei spielen, uns allen verständlich zu machen, warum er zurecht als der bedeutendste Philosoph des 20. Jahrhunderts gilt.

Prof. Ray Monk ist ein britischer Philosoph und lehrt seit 1992 als Professor an der Universität Southampton. Für Ludwig Wittgenstein: Das Handwerk des Genies wurde er mit dem John Llewellyn Rhys Prize und dem 1991 Duff Cooper Prize ausgezeichnet. Monk ist außerdem Autor von Betrand Russell: The Spirit of Solitude 1921-1970 & The Ghost of Madness 1921-1970. Sein Forschungsgebiet liegt in der Philosophie der Mathematik, der Geschichte der analytischen Philosophie und den philosophischen Aspekten biographischer Schriften. Seine Biographie über Robert Oppenheimer Inside the Centre: The Life of J. Robert Oppenheimer ist 2012 erschienen.